12
Feb
2006

Frey, James N.: Wie man einen verdammt guten Roman schreibt II

Lange Zeit vergriffen - inzwischen wieder lieferbar: Der zweite Band von James N. Freys Ratgeber für angehende Autoren.

Ich bin auch eine von denen, die bekichert und als leicht bescheuert abgetan werden: Eine Autorin Schreibsüchtige. Jedenfalls, wenn ich es zugebe - was ich keineswegs überall tue.

Nach einem recht unsortierten Versuch, DEN Fantasy-Mehrteiler nach Tolkien zu schreiben, war es an der Zeit, mich mal mit einschlägiger Fachliteratur zu befassen. Nur: Mit welcher?

Zufällig geriet ich auf eine Seite für Kurzgeschichtenschreiber, auf der die Fahne für Sol Stein geschwungen wurde. Nein, ich weiß - von ihm ist hier nicht die Rede. Ohne ihn hätte ich aber James nicht gefunden.

Die Kurzgeschichtenkommentare überschlugen sich mit Sol-Stein-hätte-aber-Beanstandungen klugen Betrachtungen darüber, wie Sol Stein die Geschichte hätte geschrieben sehen wollen. Also wollte ich es auch wissen und schlug nach bei amazon. Dass Sol Stein über den Verlag Zweitausendeins verkauft wird, war mir im Eifer des Gefechts entgangen. Fündig wurde ich so oder so - und zum Glück hatte ich mir dann die beiden Bücher von Frey gleichzeitig bestellt. Zum Glück, weil Band 2 binnen Jahresfrist nicht mehr lieferbar war.

Nun also Band 2: Anleitungen zum spannenden Erzählen für Fortgeschrittene.

Die äußere Aufmachung ähnelt Band 1, allerdings wurde auf die Spiegelung des Titels und den breiten grauen Unterrand verzichtet. Die schreibende Hand als Markenzeichen hebt sich von dem schlichten gelben Hintergrund ab, auch die Schrifttypen variieren. Der Einband verspricht Sachlichkeit, die das Buch hält (wenn man von den gelegentlichen Abschweifungen des Autors geht, sobald es seine Lieblingsfeindbilder betrifft).


EINLEITUNG

Einleitungen soll man nach herrschender Lehre (und Leserwillen) so gestalten, dass sie den Leser gleich in den Text ziehen. Was lässt der Anfang "Warum dieses Buch nicht das richtige für Sie sein könnte" da zu wünschen übrig?

Frey sagt ganz klar, dass das Buch Grundwissen voraussetzt und erteilt Pseudoregeln eine wortreiche Absage. Ein ganz kleines bisschen bissig macht der Autor deutlich, was er von den "Regeln" der "Creative-Writing"-Schulen hält. Die in dem Ratgeber behandelten Prinzipien gelten ausschließlich für Romane, die auf Spannung ausgerichtet sind. Wer also experimentell, postmodern oder wie auch immer schreiben lernen möchte, solle lieber dafür in Frage kommende Ratgeber aufsuchen. Anm. d. Red.: Oder den Griffel verschenken. Ich lese das garantiert nicht.

Man weiß also gleich nach den ersten Seiten, worum es Frey geht. Zu hoffen ist nur, dass der angehende Experimentalschreiber diese Einleitung dann auch schon vor dem Kauf liest und sich auf Wunsch die Ausgabe sparen kann.


1. Der fiktive Traum und wie man ihn herbeiführt

- Träumen ist nicht gleich schlafen
Romanschreiben ist eine Dienstleistung. Was also erwartet der Leser von Ihnen? Seine Erwartungshaltung ist ausschlaggebend für das Werk, das geschrieben werden soll - und die Fähigkeit, den Leser hypnotisch in die Autorenwelt hinzuziehen. Show, don't tell - lass den Leser teilhaben an den Düften, Farben. Oder anders: Details, Details, Details - ohne sich im Detail zu verlieren.

- Sympathie und Mitgefühl
Ist der Leser in die Bilder eingestiegen, muss der Autor ihn dazu bringen, mit den Figuren zu lieben, lachen, weinen oder verzweifeln. Der Begriff der "Sympathie" wird dabei erweitert: Auch eine Figur, die im tatsächlichen Leben eigentlich nur ein Scheusal wäre, kann beim Leser Sympathie auslösen - wenn er Mitleid mit ihr hat. Wie große Autoren dieses Problem lösten, wird beispielhaft an Figuren der Literatur aufgezeigt - u.a. an Molly Flanders und Scarlett O'Hara

- Identifikation
Wann identifiziert sich der Leser mit den Figuren? Wenn er wünscht, dass sie ihre Ziele erreichen.
Und wie identifiziert der Leser sich mit einem Schurken? Dazu gibt es ein wunderbares Beispiel: Der Pate von M. Puzo.

- Empathie
Nutzen Sie die Kraft ihrer Suggestion, damit der Leser die Gefühle der Figuren an und in sich selbst spürt.

- Der letzte Schritt: Den Leser mitreißen
Eine verblüffende Überschrift, handelte doch das gesamte Kapitel von nichts anderem. Frey gibt noch weitere Beispiele der Literatur.


2. Alles über Spannung: Oder reich mal den Senf, sonst kau ich mir sämtliche Fingernägel ab

- Definition von Spannung
Frey bietet verschiedene Definitionen anderer Autoren und verschiedener Nachschlagewerk zum Stichwort "Spannung" an und spricht über die "Köder", mit denen Autoren am Anfang einer Geschichte den Leser einfangen. Das Ganze unter Darbietung sehr guter Hooks - und zu meiner großen Freude auch etlicher Patzer.

- Die Zündschnur in Brand setzen
Anhand von Beispielen aus Actionfilmen erklärt Frey, wie man spannende - ach was: atemberaubende - Szenen gestalten kann.


3. Von Schwächlingen und Verrückten: Unvergessliche Figuren schaffen

- Schwächlinge
Eigentlich handelt es sich gar nicht um Figuren, die wir als "schwach" bezeichnen würden (im psychodingendsda Sinn). Sondern um "blockierte" Figuren, die eine Geschichte nicht vorantreiben können. Entweder weil sie sich nicht entscheiden (können) oder auch aus äußeren Gründen gehindert / gehandikapt sind. Es sind also keine dynamischen, entwicklungsfähigen Figuren, sondern Schema-Fs.

- Figuren, die es kennenzulernen lohnt
Schon in Band I riet Frey, sich für die Figuren Biografien anzulegen (was ich ebenfalls nur empfehlen kann, selbst wenn die Geschichte noch so kurz ist). Hier finden Sie die Punkte, die Ihre Charaktere unvergesslich machen können. Beispielhaft seien erwähnt: ein verrückter Spleen, ein ausgefallener Beruf, Vermeidung von Klischees. Und Recherche, Recherche, Recherche.

- Figuren und Kompetenz
Mein Lieblingsbeispiel in diesem Abschnitt:
"Carries Mutter, in Stephen Kings Carrie, brilliert als religiöse Fanatikerin."
Eine Figur muss das, was sie nach dem Willen des Autors tun soll, hervorragen machen. Im Zweifel eben als Fanatikerin.

- Der verrückte Touch
Leser lieben die verrückten, übertriebenen, extravaganten Typen. Wenn ich sage: Scarlett O'Hara und Rhett Butler ... alles klar?

- Figuren im Kontrast zur Umgebung
Beispiel (meins, weicht also vom Buch ab): "Crocodile Dundee". Die Story bringt auf den Punkt, was Frey meint.

- Die beherrschenden Leidenschaften
Hier geht es um die zentrale Triebkraft: Der Wille, reich zu werden. Der Wille (s.o.), Gott in aller Hingabe zu dienen (sorry, aber ich bin absoluter Carrie-Fan, wenn ich das an dieser Stelle einmal einfließen lassen darf).

- Gespaltene Figuren
Ein kurzer Ausflug in die Transaktionsanalyse von Berne und Harris - und mit ein bisschen Übung entsteht ein Hannibal Lector.


4. Prämissen für Fortgeschrittene.

Es heißt, eine Prämisse ist der Satz, in den sich eine Geschichte / ein Roman zusammenfassen lässt. Also mit Freys Worten: Die Hauptaussage oder das Fazit der Geschichte. Bei einer Übung zur Prämisse an anderem Ort habe ich aber feststellen müssen, dass es vielen Schreibern und Kommentatoren genau so geht, wie mir: Die Schlussfolgerung muss nicht zwingend die sein, die der Autor im Sinn hatte.

Wenn ich mich an das vorgegebene Beispiel "Samson und Delilah" halte, kann ich durchaus zu dem Fazit gelangen: Sich mit einer Frau einzulassen, führt zum Tod.

Damit wäre die kausale Kette, die konsequent zum Ende aufbaut, genau so gut benannt, wie mit:

Reue führt zum glorreichen Tod (also, ich würde nie eine Geschichte unter einer solchen Prämisse schreiben - traue mir aber trotzdem zu, mir einen Samson auszudenken)

(Was Frey zu dieser Prämisse letztendlich sagt, bitte ich dort nachzulesen, sonst nehme ich ja die ganze Spannung vorweg)

Vielleicht einigen wir uns darauf: Der Autor sollte in der Lage sein, seine eigene Geschichte in einem kurzen Satz wiederzugeben und es ansonsten dem Leser überlassen, welche Schlussfolgerungen er selbst aus dem Gelesenen ziehen möchte oder kann.

Das Kapitel ist auf jeden Fall interessant zu lesen.


Das gleiche gilt für:
5. Prämissen für Fortgeschrittene

Hier finden sich auch die Romane mit mehreren Prämissen. (bei Romanen mit mehreren Hauptdarstellern)


6. Über Stimmen, oder das "wer", das die Geschichte erzählt

Die Erzählstimme richtet sich auch nach dem gewählten Genre: Ein Sachbuch - über sagen wir mal: Den Aufbau der Justiz in den neuen Bundesländen - werden Sie sicherlich weit weniger emotional, detailreich und lebendig formulieren als zum Beispiel die Geschichte eines Stadtstreichers, der gerade einem kleinen Kind das Leben gerettet hat (Beispiele von mir).

Sie sollen dem Leser vermitteln: Der Erzähler dieser Geschichte weiß ganz genau, wovon er oder sie spricht. (Als Top-Beispiel wieder der Einstieg in "Vom Winde verweht").

Im Grunde handelt es sich bei der starken Erzählstimme um nichts anderes, als die Wahl der richtigen Perspektive (also der Figur, aus deren Sicht alles oder jeweils ein Teil betrachtet und erzählt wird).

Ein starkes Kapitel, dass sich auch mit den Schwächen (und Stärken) der "allmächtigen" Erzählweise beschäftigt , dem satirischen Ton, der gefühlvollen Schilderung oder dem beiläufigen Plauderton.

- Pseudoregeln über die erste und die dritte Person und andere Mythen
Wie anfangs schon erwähnt, hat Frey mit den Lehrern des US-amerikanischen Creativ-Writing ein paar Hühner zu rupfen. Hier fliegen die Federn.

- Das Muskelspiel des Autors: Entwickeln Sie Ihre Stimme
Frey rät, seine Texte in verschiedenen Erzählstimmen zu schreiben und die stärkste herauszusuchen. Der Wechsel in die Ich-Stimme muss keineswegs stärker sein, als die Sicht der "3. Person".


7. Der Vertrag zwischen Autor und Leser oder versprechen Sie keine Schlüsselblume und liefern dann nur eine saure Gurke

Zwischen Autor und Leser besteht quasi ein Vertragsverhältnis: Der Autor bietet ein Produkt, das der Leser nach den ihm gegebenen Orientierungshilfen erwirbt. Er will also exakt das haben, was er gesehen und bezahlt hat. Kurz gesagt: Wenn der Leser einen Krimi kauft, will er keine Lovestory aus dem Lore-Roman.


8. Die Sieben Todsünden

Was ein Autor alles anstellen kann, um garantiert niemals in den Genuss einer Veröffentlichung zu kommen.

Ich bekenne mich zu Nr. 7. Wer wissen will, welche das ist, lese das Buch ...


9. Schreiben mit Leidenschaft

Warum der Autor am Ende doch noch eine Erfolgsgarantie gibt.


Der Autor:
James N. Frey ist lt. Klappentext Band 2 Autor von neun Romanen und unterrichtet nach wie vor kreatives Schreiben an der University of California.

***




***

Jakob und der gewisse Herr Stinki

Haben Sie eigentlich ein Gewissen? Ach, das wissen Sie nicht? Nun, dann sollten Sie sich in Zukunft einmal ein wenig genauer umsehen in Ihrer Umgebung. Wenn Sie eine etwas verschrobene, griesgrämige Gestalt entdecken, die Ihr Lieblingsessen wegfuttert, Ihre Cola austrinkt oder Ihren Fernsehgenuss stört, dann sollten Sie einmal gründlich überlegen, ob Sie vielleicht kurz zuvor einen argen Unfug angestellt haben.

Jakob nämlich trifft nach einem Eierritterwettkampf, den leider die beiden Ritter so gar nicht überleben wollen, im Wohnzimmer auf eine sehr fremde, sehr graue und sehr chipsfressende kleine Gestalt, die aussieht wie der humorlose Onkel Ernst. Nein, schlimmer sieht er aus - und er starrt Jakob einfach nur vorwurfsvoll an und macht ihm Angst. Von nun an taucht der Grieselgram immer auf, wenn Jakob etwas Verbotenes getan hat.

Wie Jakob lernt, sein Gewissen zu erkennen und zu schätzen, erzählt die Autorin Barbara A. Fallnbügl in der liebevoll illustrierten Geschichte Jakob und der gewisse Herr Stinki (erschienen im Ennsthaler Verlag, 4400 Steyr, ISBN 3-85068-627-2).

Ein (Vor)Lesevergnügen für Kinder und alle, die es wieder werden wollen ...

Schwertlein, wechsel dich

Was passiert mit unserer Welt, wenn wir weiter an unseren gentechnischen Versuchen basteln und mit unschönen Bömbchen um uns werfen?

Fred Saberhagen gibt hierauf in seiner Trilogie „Die Bücher der Schwerter“ eine mögliche Antwort: Die Götter zürnen und werfen die Menschheit ins Mittelalter zurück. 49.949 Jahre – solange soll die magische Veränderung der Welt durch Ardneh dauern. Die Menschen geloben Besserung. Drachen und andere Wundertiere besiedeln die „Neue“ Welt und unsere hochgelobte Technologie zieht ein in die Legenden der nunmehr wieder mittelalterlichen Völker als die „Werke der Alten“. Falls das jemand an den wunderbaren „Planeten der Affen“ erinnert, so mag die Parallele durchaus gewollt sein.

In „Das erste Buch der Schwerter“ stellt Saberhagen uns den Weg des Schwertes der Wut vor. Sein Träger findet auf seiner Flucht vor Herzog Fraktin noch drei weitere Schwerter: den Drachentöter, das Schwert der Arglist und den Würfelwender. Amüsante und orignelle Charaktere geben dem ewigen Kampf der Guten gegen die Bösen einen gewissen Dreh ins Extravagante. Schöne Urlaubslektüre.

 Susanne Schnitzler, Rezension vom 04.07.2005

Was passiert, wenn der Schnee schmilzt?

Von der Imagination zur Imaginata: Seit 1995 gibt es in Jena einen gemeinnützigen Verein, der sich der Förderung der Vorstellungskraft (mit allen Sinnen) verschrieben hat: Imaginata e.V.

Be-Greifen, Selbst-Machen, Ausprobieren - unter diesem Motto stehen die pädagogischen Programme. Zu den vielfältigen Aktivitäten gehört auch ein Schreibwettbewerb für die Thüringer SchülerInnen, der in Kooperation mit der Story-Olympiade ausgeschrieben wurde. Thema 2004: Krimi.

Die Schülerinnen und Schüler tauchten also ab in die Welt der (Schwer)Verbrecher und ihrer Verfolger - und es bedurfte eigentlich keiner Bestätigung, dass sie mit Begeisterung bei der Sache waren. Acht der Krimis stehen bei der Story-Olympiade als pdf-Datei zum Download bereit. Die dort aufbereiteten Texte, die von der abgefahrenen Krimikomödie bis zum Geiselnahme-Thriller für jeden Geschmack etwas bieten, atmen die Liebe ihrer SchreiberInnen zum Sujet aus jeder Zeile, jedem Wort. Und es ist absolut faszinierend, was die SchülerInnen der 5. bis 10. Klasse - von denen einige wohl zum ersten Mal überhaupt eine Kurzgeschichte geschrieben haben - an schriftstellerischer Leistung bieten.

Die Texte sind insgesamt so gut, dass ich persönlich es schon fast als ungerecht empfinde, aus ihnen einen Favoriten zu küren. Trotzdem lässt sich bei einem Blick ins Inhaltsverzeichnis leicht erkennen, welcher Beitrag nicht nur mich am meisten ansprach.

Und was passiert nun, wenn der Schnee schmilzt?

Schauen Sie doch einmal ins "Verbrecher"-Album auf der Story-Olympiade...

phantastisch!

Manchmal frage ich mich, wo und wie (gelegentlich: mit wem?) ich eigentlich meinen Wachzustand verbringe. Allerdings scheint mir der Aggregatzustand Halbschlaf, mindestens, geläufiger zu sein - anders kann ich es mir nämlich nicht erklären, dass schon seit dem Jahr 2001 ein absolut phantastisches Magazin über phantastische Themen an mir vorbei veröffentlicht werden konnte. phantastisch! eben.

Ein Augenschmaus in liebevoller Aufmachung, der nicht nur mit erstklassigen Covern verwöhnt, sondern sich auch noch hervorragend lesen lässt.

Neben Autoreninterviews (zum Beispiel mit Michael Marrak, George R.R. Martin oder Dan Simmons) werden auch die Wegbereiter der Science-Fiction kritisch beleuchtet. Oswald Spenglers Einfluss auf die phantastisch-utopische Literatur ist ebenso Thema wie Film- und Buchbesprechungen, wobei auch das Comic-Genre zu meiner besonderen Freude Beachtung findet.

Neues aus der Wissenschaft, das News-Update und die Kurzgeschichten von Mark Twain, Lovecraft, Helmuth W. Mommers, Andrea Tillmanns und vielen anderen runden das ohnehin schon positive Bild noch einmal ab. Sehr lesenswert auch Dirk van den Booms Trilogie über die Geschichte des Heftromans.

Kurz: Ein intelligentes Lesevergnügen für jeden, bei dessen Qualität eigentlich nicht nur der an Phantastik interessierte Leser süchtig werden dürfte.

phantastisch! erscheint 4 x jährlich im Verlag Achim Havemann, Postfach 1107, 29452 Hitzacker (ISSN 1616-8437) und liegt derzeit bei EUR 4,90 pro Ausgabe. Nähere Informationen unter: http://www.phantastisch.net

Volker Uhl (Hrsg.): Die erste Leiche vergisst man nicht

Für alles gibt es ein erstes Mal – und für viele wird die Begegnung mit dieser bislang doch meist gut unter Verschluss gehaltenen Seite unserer Ordnungshüter ganz bestimmt die allererste sein.

Kennen gelernt – soweit man Menschen, die man „nur“ im Internet trifft, überhaupt kennen lernen kann – habe ich den Herausgeber rein zufällig. Eine meiner Kolleginnen, die nicht nur meine Leidenschaft für Bücher, sondern auch meine eigenen Veröffentlichungen kannte, erwähnte eines Tages eine Fernsehsendung, in der ein Internetprojekt namens „Polizei-Poeten“ vorgestellt wurde. Neugieriger als Polizisten sind ja wahrscheinlich nur noch Schreiberlinge, und selbstverständlich saß ich irgendwann nach Feierabend am PC und stöberte in den Texten, die von Polizisten und Angestellten im Polizeidienst geschrieben sind. Mal lachend, mal ge- und berührt – schwer beeindruckt hinterließ ich einen Gästebucheintrag, aus dem sich ein sehr netter Mailkontakt entwickelte.

Das Buchprojekt war zu der Zeit schon in Arbeit, und als ich später entdeckte, dass es beim renommierten Piper Verlag erscheinen würde, war klar: Das Buch musste ich haben. Am liebsten auch gleich im eigenen Sortiment. Geplant und ausgeführt – schon der flüchtige Blick ins Rezensionsexemplar zeigte, dass die Entscheidung eine gute war.

Volker Uhl erzählt in „Wie alles begann“, warum er überhaupt mit dem Schreiben anfing und wie es zur Gründung der Polizei-Poeten kam. Ein mit leichter Hand und sicherlich viel Abstand geschriebener Text – sogar in der Einleitung, die uns mit „seiner“ ersten Leiche konfrontiert, und der langen Liste weiterer dramatischer „erster Male“ bleibt der Verfasser seinem Stil treu.

Wenn Polizisten Täter werden: „Der Zirkusbesuch“ und der daran anschließende Bericht über einen jungen Beamten, der sich am Misserfolg der Fahndung schuldig fühlt, greift den Fall eines Mörders auf, der zur Vorbereitung seiner Banküberfälle auch vor mehrfachem Mord nicht zurückschreckte – nicht einmal seine eigene Familie sollte vor ihm sicher sein. Umso bemerkenswerter die sachliche Beherrschtheit, mit der Volker Uhl – selbst dreifacher Vater – das Thema behandelt.

„Die Frau in Rot“ (aufgezeichnet von Volker Uhl). Ein Mann, eine Frau und eine Tiefgarage – wenn die menschlichen Tragödien ihren Lauf nehmen, müssen die Beamten auch mal den Sterbenden zur Seite stehen. Ein Engel in Uniform ...

„Valentina“: Eine amüsante Geschichte um Gewinnbriefe und das Glück einer Rentnerin.

„Vergiss nicht, die Flaschen abzugeben“, „China“, „Stammheim“ und „Aus dem Volksoratorium“: Stille Texte, die ebenfalls von Volker Uhl beigesteuert wurden, und nicht nur danach fragen, wo die Seele sitzt.

Einen unterhaltsamen Einstieg in das Buch liefert „Biest“ von Steffen Pudimat. Wer bislang Polizisten als „Bullen“ diffamierte, wird hier schlauer: In diesem Mann steckt eindeutig ein Wolf. Oder gibt es Wer-Bullen? Wer-weiß?

„Nachtschicht“, ebenfalls von Steffen Pudimat, ist eine temporeiche Geschichte mit einem zum Glück guten Ende, dem aber der mögliche schlechte Ausgang eindrucksvoll angefügt wird. Ein begabter Schreiber, von dem ich gerne mehr lesen würde.

„Zehn Frauen und ein weißer Kadett“ von Karin Stark und „Anna und ihr Vater“ von Jörg Schmitt-Kilian sind zwei Texte, die sich engagiert und einfühlsam mit Sexualstraftaten auseinandersetzen.

Alle 37 Geschichten an dieser Stelle zu besprechen, würde den Rahmen einer einfachen Rezension schnell sprengen. Insgesamt ist das Buch eine gelungene Mischung aus Drama und Komödie, von dem man nicht erwarten darf, dass man es mal so nebenbei in einem Rutsch durchliest. Hat man eben noch über ein echtes Schelmenstück gelacht, bleibt einem das Lachen bei der tragischen Entwicklung in der nächsten Story gleich wieder im Halse stecken. Nicht eine der Geschichten lässt den Leser unberührt und bei mancher schnürt sich die Kehle zusammen, bis man vielleicht ein ganz, ganz kleines bisschen verstehen kann, was diese Männer und Frauen täglich erleben und empfinden müssen.

„Man kann mehr tun, als man vielfach glaubt und sollte die Chance, sich als Mensch zu zeigen, niemals ungenutzt lassen.“

Helmut Lukas, „Der schwerste Gang“

Diese polizei-poetische Betrachtung nehme ich als meine persönliche Lieblingsstelle aus dieser Anthologie mit. Es wäre schön, wenn möglichst viele Menschen sie zu beherzigen lernten.

Ergänzt wird die Ausgabe im übrigen noch durch die stimmigen Schwarzweiß-Fotos der Fotografin Suzanne Eichel, deren Bilder wie sensible Kommentare zu den Geschichten wirken.

Wer also mehr über die Menschen in Uniform erfahren möchte, tut mit diesem Buch sicher einen sehr guten Griff. Und mit dieser Meinung stehe ich eindeutig nicht alleine da: Nach der Erstveröffentlichung im September 2005 hat diese ungewöhnliche Variante des Polizeiberichts es innerhalb von nur zwei Monaten bereits zu einer zweiten Auflage gebracht. Herzlichen Glückwunsch und weiter so viel Erfolg!


Die erste Leiche vergisst man nicht
Polizisten erzählen
Herausgegeben von Volker Uhl
Mit Fotos von Suzanne Eichel
Vorwort von Dietz-Werner Steck ("Kommissar Bienzle")
© 2005 Piper Verlag GmbH, München

SP 4503
224 Seiten
EUR 8,90

ISBN-13: 978-3-492-24503-6
ISBN-10: 3-942-24503-X


Relevante Links:

Piper Verlag GmbH
Polizei-Poeten
Die Fotografin Suzanne Eichel

Nachtrag: Wie ich gerade erfahre, ist im Dezember 2005 schon die dritte Auflage erschienen und ein weiteres Buch in Planung. Glückwunsch!
(9.12.2005)

Nachtrag II:
Die Rezension steht jetzt auch bei
Opinio - Lesermagazin der Rheinische Post online
(11.12.2005)

Vampir-Attacke

Diese Sammlung moderner und klassischer Gruselgeschichten wurde herausgegeben von Sylvania Pippistrella, deren Pseudonym in den nächsten Jahren dank dieser Ausgabe wohl ein gängiges werden dürfte.

R.L. Stine sollte zumindest Lesern der Mystery-Reihe aus dem Cora-Verlag ein Begriff sein. In seinen spannenden Geschichten spielen immer Jugendliche die Hauptrolle, die sich mit Klugheit vor übersinnlichen Bedrohungen retten.

Dem Niederländer Paul van Loon verdanken wir Anthologien wie den Gruselbus und das umfassende Nachschlagewerk "Handbuch der Vampire", dem selbst ausgewiesene Kenner der Materie noch Neues entnehmen können. Seine Texte zeichnen sich zum einen durch Humor und oft durch ironische Verweise auf seine niederländischen Autorenkollegen aus, die diese liebevollen Sticheleien in ihren eigenen Werken immer wieder gerne zurückgeben. Grusel aus den Niederlanden ist mir ein besonderes Vergnügen geworden.

Roger M. Thomas' Geschichte ist in Stil und Aufbau eine klassische Vampirgeschichte, ebenso wie die Geschichte "Draculas Gast" von Bram Stoker, die im Gegensatz zu seinem Dracula-Roman völlig zu Unrecht weit weniger bekannt geworden ist.

Einen ähnlichen Ton hat auch die wunderbar vielschichtige Erzählung von Mario Giordano, der mit "Das tiefe Haus" nicht den Werdegang eines Vampirs, sondern den seines Jägers erzählt. Der Autor lebt inzwischen übrigens ebenfalls in Hamburg. Wir mausern uns anscheinend zur Gruselhochburg ...

Dass bei dem Thema der Humor nicht zu kurz kommen muss, beweisen auch Christine Nöstlinger in "Florence Tschinglbell" und Willis Hall mit dem Romanauszug "Der letzte Vampir". Beide schaffen es, dem alten Thema neue Facetten abzugewinnen und den Leser zumindest schmunzeln zu lassen.

Thomas Brezinas Romansauszug erzählt von einem "Vampirsarg", in den - natürlich - die neugierigen Kinder einfach hineinschauen müssen. Der geschickt gewählte Auszug lässt alle nötigen Fragen offen und macht Lust auf mehr.

Eine gute Mischung klassischer und moderner Texte, von denen man getrost sagen kann, sie seien mit Herzblut geschrieben. Neben der ungewöhnlichen Verpackung weist das Buch nämlich noch eine Besonderheit auf: Es ist komplett in rot gedruckt.

Ab 10 Jahren
Sylvania Pippistrella (Hrsg.)
Vampir-Attacke
Das ultimative Gruselbuch
168 Seiten
Mit Blut-Bag
EUR 7,90
ISBN: 3-401-02436-1

Sechseinhalb Stunden - Gruselroman für Jugendliche und junge Erwachsene von Andreas Schlüter

Der 13jährige Sören findet Jacqueline klasse. Aber eigentlich scheint er nur deshalb auf sie zu stehen, weil sie sich mit Hannes abgibt. Und Hannes ist für coole Jungs wie Sören einfach nur ein Loser. Da wäre es doch gelacht, wenn er ihm das Mädel nicht abluchsen könnte. Aber wie?

Sören tut das Naheliegende: Er schreibt einen Liebesbrief. Eigentlich schreibselt er zwar nur Floskeln aufs Papier, und das auch noch unter Assistenz seines Kumpels Matze, aber es ist auch schwer, mit 13 Jahren über tiefe Gefühle zu schreiben. Wenn wir ehrlich sind, können das auch von uns Erwachsenen nur sehr wenige.

Klar, dass der Horror-Fan Sören das passende Klischee findet: "Für dich würde ich durch die Hölle gehen". Das ist cool, Digga! Den Satz: "Und alles tun, um dein Herz zu erobern." hängt er schnell noch hinten an. Das ist abgefahren, ey!

Damit hat er nur leider schlafende Höllenhunde geweckt. Kurz danach steht nämlich eine recht eisige weiße Frau im Wohnzimmer von Sörens Elternhaus, die sich im Laufe der halbstündigen Unterhaltung als Nex, der gewaltsame Tod, entpuppt. Sie zaubert aus dem Nex - pardon: Nichts - ein Paket herbei, aus dem Sören das Herz seiner derzeit doch eher nur halbherzig Angebeteten entgegenfällt. Mit Tod und Teufel scherzt man nicht, macht Nex nachdrücklich klar, und gibt Sören genau sechs Stunden Zeit, um Jacqueline zu retten.

Sören bleibt nun nichts anderes mehr übrig, als buchstäblich durch die Hölle zu gehen. Stehen am Ende des Weges wirklich nur noch Verzicht und Tod, damit Jacqueline leben kann?

Als wir Sören am Anfang des Buches kennen lernen, ist er genau der Typ, mit dem meine Tochter nicht ausgehen dürfte: Der schlechteste Schüler der Klasse und ein verantwortungsloser Angeber, der an nichts anderes denkt als an sich selbst und an seine Horrorvideos. Doch zumindest sein schlechter Geschmack in Bezug auf Zimmerdekos rächt sich schneller als ihm lieb ist. Und während der Teufel ihm die Hölle heiß macht, lernt Sören, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Er erkennt, dass sogar sein bisschen Wissen Leben retten und er selbst logisch denken kann. Der Gegner ist fair und gibt Sören durchaus auch mal die nötigen Mittel zum Sieg über einen herzgierigen Blindenhund an die Hand.

Und genau das ist meiner Meinung nach der größte Vorzug des Buches: Sören ist bei aller Phantastik der Geschichte glaubwürdig. Der Autor lässt seinen Helden nur Kämpfe ausfechten, denen dieser gewachsen ist und die er mit seinem (beschränkten und vor allem menschlichen) Wissen und Können meistern kann. Er wächst mit und an den Aufgaben und ist am Ende soweit "erwachsen" geworden, dass er zum größten denkbaren Verzicht bereit ist.

Herbeigezogen dagegen finde ich die Sache mit der Erinnerung. Es mag Umfang und Tempo geschuldet sein, aber dafür, dass der Teufel als Gegenleistung für "unendlich viel Wasser" die Erinnerung nimmt, erinnert sich Sören im weiteren Verlauf viel zu mühelos und viel zu schnell an alles, was in den folgenden Szenen gebraucht wird. Mit Formulierungen wie "Computerspiele sind für ihn wichtig. Das spürt er", versucht der Autor zwar die Kurve zu kriegen - überzeugen konnte er mich damit aber nicht.

Auf jeden Fall ist mir beim Lesen wieder einmal klar geworden, wie höllisch genau man mit seinen Sprachbildern umgehen sollte. Der Teufel steckt in diesem Fall nicht nur in den Details, sondern auch und gerade in der Floskel, und ich werde mir künftig nicht nur genau überlegen, was ich mir wünsche, sondern vor allem: wie. Andreas Schlüter zeigt eindrucksvoll, dass man sonst durchaus exakt das bekommen könnte, was man sich wünscht. Und ich werde niemals wieder unbefangen Schmetterlinge im Bauch haben können.

Dass Andreas Schlüter sich mit Floskeln auskennt, beweist meines Erachtens auch sein völliger Verzicht auf eben jene. Das Buch ist in der Ich-Perspektive geschrieben, die ich eigentlich gar nicht mag. Der Autor umgeht aber konsequent die Fallen, die diese Perspektive reichlich bietet, und zieht die Spannung aus der Geschichte und den Figuren statt aus mysteriösen Andeutungen ("Hätte ich gewusst, was ich heute weiß ..."). Ein Lesevergnügen insbesondere für jüngere Leser und Leute mit Spaß an Sprache, Mythologie und Wissen und überhaupt ...


Andreas Schlüter
Sechseinhalb Stunden

Arena Verlag GmbH
ISBN 3-401-05796-0

Hardcover
199 Seiten
in neuer Rechtschreibung
1. Auflage 2005
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