30
Jul
2007

Thomas Rackwitz (Hrsg.): Das Mädchen aus dem Wald

Nahezu zeitgleich mit der Anthologie "Verfolgt" im Lerato-Verlag erschienen, schlägt dieser Geschichtenband seinen Geschwisterband um Längen. Und zwar nicht deshalb, weil die Beiträge länger wären oder Längen hätten, sondern weil die Qualität kontinuierlicher ist.

Wo bei "Verfolgt" meinem Gefühl nach die Pointenstorys dominierten, die einen kurzen Text auf einen bestimmten Punkt treiben und dann mit einem kecken Twist aus der Erwartung tanzen (mit Ausnahme der in der Rezi zititerten Beiträge), werden hier Geschichten erzählt, die ihre Leser mitnehmen.

Hier wird die Erzähltradition noch hochgehalten, die Geschichten haben Themen als Grundlage und brauchen den Vergleich mit ähnlichen Anthologien aus dem englischsprachigen Raum nicht zu scheuen.

Tatsächlich fühle ich mich gleich bei der zweiten Geschichte dieser Anthologie

Eine Frage des Willens
von Jens Behn

an ein Motiv des von mir sehr geschätzten Harlan Ellison erinnert, der in "Jeffty ist fünf" ebenfalls von einem Kind mit besonderen Fähigkeiten erzählt.

Meine Lieblingsgeschichte (es geht hier jetzt ein bisschen durcheinander) ist

Was ist Glück?
von Tobias Schott,

deren überraschender Verlauf keine Schenkelklopferpointe hinwirft, sondern auf Samtpfoten daherkommt.

Erfreulich, dass auch hier wieder Sabine Ludwigs vertreten ist, die sich mit Famula des Schnitters annimmt.

Hier fällt es schwer, Lieblingstexte hervorzuheben - oder einfach nur die Texte, die gut waren ... sie sind es nämlich alle, obgleich ich mit der einen oder anderen Geschichte ein bisschen meine Probleme hatte, wenn sie für meinen Geschmack zu experimentell aufschlug.

Interessante Beiträge auch von Andreas Flögel (der gerade das Mördergenre für sich zu entdecken scheint), sowie von Christian Weis und Michael Buttler, die sich auf medizinischen (Rand-)Gebieten bewegen.

Eine gute Anthologie zeichnet sich meines Erachtens dadurch aus, dass nicht alle Beiträge in einer Rezension Erwähnung finden können, will man den Leser eben jener Rezension nicht vorzeitig ermüden - investiere er seine Energien doch bitte lieber in das Lesen der Anthologie. Hier lohnt es sich auf jeden Fall, nicht zuletzt durch das Gaunerstück, das Ines Heckmann mit Die sonderbare Uhr abgeliefert hat.


Thomas Rackwitz (Hrsg.)
Das Mädchen aus dem Wald
mystische und geheimnisvolle Geschichten
Lerato Verlag
ISBN: 3-938882-14-X
9,95 €

Ulrich Biele (Hrsg.): Verfolgt

"Sie werden verfolgt? Vielleicht von Träumen? Von einem Menschen? Einem Stalker? Schätzen Sie sich glücklich, wenn Sie das beklemmende und beängstigende Gefühl, verfolgt zu werden, nicht kennen."

So beginnt der Klappentext zu der Anthologie "Verfolgt", die 2006 im Lerato Verlag erschienen ist.

Der Bogen der Beiträge reicht von der Stalkerproblematik über Verleumdung bis hin zu im wahrsten Sinne des Wortes phantastischen Geschichten. Und diese sind es dann auch überwiegend, die der qualitativ in den Beiträgen durchaus schwankenden Anthologie die Würze geben.

Wernebel
von Rainer Innreiter
ist eine dieser wunderbar beiläufig geschriebenen Horrorstorys, die sich immer und zu jeder Zeit in Ihrer unmittelbaren Nähe ereignen könnten. Der Autor ist unter den Liebhabern der Phantastischen Literatur kein Unbekannter.

Im Namen des Vaters
von Chris J. Stone
erinnert mich ein wenig an den letzten Hitchcock "Familiengrab" mit dem Unterschied, dass die Dame in dieser Geschichte hier tatsächlich ein Medium ist.

Das Schachzimmer
von Günter Suda
Ein Haus, das mir ein Zimmer meiner Obsession entsprechend herzaubert und mich dabei mumifiziert, möchte ich eindeutig nicht haben. Nein, danke. Ich sagte: NEIN! :)

Mein ist die Rache
von Sabine Ludwigs
ist eigentlich ein Traum. Oder? Die Autorin hat sich mit ihren eleganten Texten schon vor geraumer Zeit in meine Favoritenliste geschrieben.

Nachts, zwischen drei und vier
von Silvia Flür-Vonstadt
Puh. Habe ich vorher bei der Lektüre von "Hope" (siehe dortige Rezi) noch gedacht: Ein Leben, das die Frauen in dem einen Dorf und die Männer im anderen verbringen, ist ja nun wirklich nicht besonders prickelnd, komme ich hier schon wieder ins Schwanken. Die Geschichte einer Besessenheit, die eine furchtbare Befriedigung findet.

Vorstellungsgespräch
von Birgit Erwin
bietet der verdutzten Leserin ein Bewerbungsgespräch mit Zeitenhopping. Amüsant und abgefahren. Sozusagen Erwin at her best.

Schatten in die Haut tätowiert
von Steffi Beckmann
erzählt vom Krieg und einer Überlebenden und passt in der Thematik exzellent zur Abschlussgeschichte

Besser spät als nie
von MD Spinoza,
die von einer anderen Überlebenden unter einem anderen Regime erzählt.

Ulrich Biele (Hrsg.)
Verfolgt
beklemmende und beängstigende Geschichten
Lerato Verlag
ISBN 3-938882-15-8
9,95 €

Gaeddert, LouAnn: Hope

Es ist schon erstaunlich, welche Bücher so die Schwellen zur (deutschen) Veröffentlichung schaffen.

1995 bei Atheneum Books for Young Readers erschienen, stammt die deutsche Übersetzung aus dem Jahre 1997 bei Carlsen und wurde 1999 als OMNIBUS Taschenbuch (Bertelsmann) aufgelegt.

Das Buch erzählt von der 12 Jahre alten Hope Douglas und ihrem jüngeren Bruder John. Die beiden werden im Jahre 1850/51 nach dem Tod ihrer Mutter von ihrem Onkel bei den Shakern abgegeben. Der Vater der Kinder ist schon vor langer Zeit nach Kalifornien gegangen und Onkel und Tante können (oder wollen) nicht für die Kinder sorgen.

Hope kennt sich im Heilen aus und wird später im Verlauf der Geschichte, die sich über ungefähr ein Jahr erstreckt, bei einer großen Grippewelle im Winter sehr hilfreich sein. Sie tut sich mit dem Leben bei den Shakern schwer und wartet nur auf ein Lebenszeichen ihres Vaters, um diese religiöse Gemeinschaft wieder verlassen zu können.

John dagegen fühlt sich wohl unter den Männern und am Ende des Buches, das die Geschichte der beiden immer abwechselnd aus der jeweiligen Perspektive erzählt, müssen beide sich entscheiden:

Wollen sie in der Gemeinschaft, die ihnen lieb und vertraut wird, bleiben? Oder entscheiden sie sich dafür, zu ihrem Vater zu gehen, der sie endlich gefunden hat und zu sich nehmen will?

Wer unbedingt mehr über die Gemeinschaft der Shaker wissen will, ist mit diesem Buch ausgezeichnet beraten. Die Autorin flicht ihr Wissen um diese Gemeinde geschickt in den Text ein und gibt lediglich am Ende Hinweise auf die Entstehung und Geschichte der Shaker.

Wer allerdings einfach nur mehr über die Shaker erfahren möchte, kann auf dieses Buch auch wiederum gut verzichten und sich lieber eines der diesbezüglichen Sachbücher, von denen die Autorin in ihrer Danksagung ohne Titelnennung so schwärmt, besorgen.

Ich würde jedenfalls nicht dafür plädieren, ein Buch über eine so enge religiöse Gruppe ausgerechnet in die Hände von Jugendlichen zu geben, die in ihrer Pubertät gelegentlich Findungsprobleme haben dürften

LouAnn Gaeddert:
Hope
Aus dem Amerikanischen von Birgitt Kollmann
OMNIBUS
Der Taschenbuchverlag
für Kinder und Jugendliche
von Bertelsmann
ISBN 3-570-20522-3

nur noch gebraucht auf Amazon.de
Preis: ab 0,79 €
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