Volker Uhl (Hrsg.): Die erste Leiche vergisst man nicht
Für alles gibt es ein erstes Mal – und für viele wird die Begegnung mit dieser bislang doch meist gut unter Verschluss gehaltenen Seite unserer Ordnungshüter ganz bestimmt die allererste sein.
Kennen gelernt – soweit man Menschen, die man „nur“ im Internet trifft, überhaupt kennen lernen kann – habe ich den Herausgeber rein zufällig. Eine meiner Kolleginnen, die nicht nur meine Leidenschaft für Bücher, sondern auch meine eigenen Veröffentlichungen kannte, erwähnte eines Tages eine Fernsehsendung, in der ein Internetprojekt namens „Polizei-Poeten“ vorgestellt wurde. Neugieriger als Polizisten sind ja wahrscheinlich nur noch Schreiberlinge, und selbstverständlich saß ich irgendwann nach Feierabend am PC und stöberte in den Texten, die von Polizisten und Angestellten im Polizeidienst geschrieben sind. Mal lachend, mal ge- und berührt – schwer beeindruckt hinterließ ich einen Gästebucheintrag, aus dem sich ein sehr netter Mailkontakt entwickelte.
Das Buchprojekt war zu der Zeit schon in Arbeit, und als ich später entdeckte, dass es beim renommierten Piper Verlag erscheinen würde, war klar: Das Buch musste ich haben. Am liebsten auch gleich im eigenen Sortiment. Geplant und ausgeführt – schon der flüchtige Blick ins Rezensionsexemplar zeigte, dass die Entscheidung eine gute war.
Volker Uhl erzählt in „Wie alles begann“, warum er überhaupt mit dem Schreiben anfing und wie es zur Gründung der Polizei-Poeten kam. Ein mit leichter Hand und sicherlich viel Abstand geschriebener Text – sogar in der Einleitung, die uns mit „seiner“ ersten Leiche konfrontiert, und der langen Liste weiterer dramatischer „erster Male“ bleibt der Verfasser seinem Stil treu.
Wenn Polizisten Täter werden: „Der Zirkusbesuch“ und der daran anschließende Bericht über einen jungen Beamten, der sich am Misserfolg der Fahndung schuldig fühlt, greift den Fall eines Mörders auf, der zur Vorbereitung seiner Banküberfälle auch vor mehrfachem Mord nicht zurückschreckte – nicht einmal seine eigene Familie sollte vor ihm sicher sein. Umso bemerkenswerter die sachliche Beherrschtheit, mit der Volker Uhl – selbst dreifacher Vater – das Thema behandelt.
„Die Frau in Rot“ (aufgezeichnet von Volker Uhl). Ein Mann, eine Frau und eine Tiefgarage – wenn die menschlichen Tragödien ihren Lauf nehmen, müssen die Beamten auch mal den Sterbenden zur Seite stehen. Ein Engel in Uniform ...
„Valentina“: Eine amüsante Geschichte um Gewinnbriefe und das Glück einer Rentnerin.
„Vergiss nicht, die Flaschen abzugeben“, „China“, „Stammheim“ und „Aus dem Volksoratorium“: Stille Texte, die ebenfalls von Volker Uhl beigesteuert wurden, und nicht nur danach fragen, wo die Seele sitzt.
Einen unterhaltsamen Einstieg in das Buch liefert „Biest“ von Steffen Pudimat. Wer bislang Polizisten als „Bullen“ diffamierte, wird hier schlauer: In diesem Mann steckt eindeutig ein Wolf. Oder gibt es Wer-Bullen? Wer-weiß?
„Nachtschicht“, ebenfalls von Steffen Pudimat, ist eine temporeiche Geschichte mit einem zum Glück guten Ende, dem aber der mögliche schlechte Ausgang eindrucksvoll angefügt wird. Ein begabter Schreiber, von dem ich gerne mehr lesen würde.
„Zehn Frauen und ein weißer Kadett“ von Karin Stark und „Anna und ihr Vater“ von Jörg Schmitt-Kilian sind zwei Texte, die sich engagiert und einfühlsam mit Sexualstraftaten auseinandersetzen.
Alle 37 Geschichten an dieser Stelle zu besprechen, würde den Rahmen einer einfachen Rezension schnell sprengen. Insgesamt ist das Buch eine gelungene Mischung aus Drama und Komödie, von dem man nicht erwarten darf, dass man es mal so nebenbei in einem Rutsch durchliest. Hat man eben noch über ein echtes Schelmenstück gelacht, bleibt einem das Lachen bei der tragischen Entwicklung in der nächsten Story gleich wieder im Halse stecken. Nicht eine der Geschichten lässt den Leser unberührt und bei mancher schnürt sich die Kehle zusammen, bis man vielleicht ein ganz, ganz kleines bisschen verstehen kann, was diese Männer und Frauen täglich erleben und empfinden müssen.
„Man kann mehr tun, als man vielfach glaubt und sollte die Chance, sich als Mensch zu zeigen, niemals ungenutzt lassen.“
Ergänzt wird die Ausgabe im übrigen noch durch die stimmigen Schwarzweiß-Fotos der Fotografin Suzanne Eichel, deren Bilder wie sensible Kommentare zu den Geschichten wirken.
Wer also mehr über die Menschen in Uniform erfahren möchte, tut mit diesem Buch sicher einen sehr guten Griff. Und mit dieser Meinung stehe ich eindeutig nicht alleine da: Nach der Erstveröffentlichung im September 2005 hat diese ungewöhnliche Variante des Polizeiberichts es innerhalb von nur zwei Monaten bereits zu einer zweiten Auflage gebracht. Herzlichen Glückwunsch und weiter so viel Erfolg!
Die erste Leiche vergisst man nicht
Polizisten erzählen
Herausgegeben von Volker Uhl
Mit Fotos von Suzanne Eichel
Vorwort von Dietz-Werner Steck ("Kommissar Bienzle")
© 2005 Piper Verlag GmbH, München
SP 4503
224 Seiten
EUR 8,90
ISBN-13: 978-3-492-24503-6
ISBN-10: 3-942-24503-X
Relevante Links:
Piper Verlag GmbH
Polizei-Poeten
Die Fotografin Suzanne Eichel
Nachtrag: Wie ich gerade erfahre, ist im Dezember 2005 schon die dritte Auflage erschienen und ein weiteres Buch in Planung. Glückwunsch!
(9.12.2005)
Nachtrag II:
Die Rezension steht jetzt auch bei
Opinio - Lesermagazin der Rheinische Post online
(11.12.2005)
Kennen gelernt – soweit man Menschen, die man „nur“ im Internet trifft, überhaupt kennen lernen kann – habe ich den Herausgeber rein zufällig. Eine meiner Kolleginnen, die nicht nur meine Leidenschaft für Bücher, sondern auch meine eigenen Veröffentlichungen kannte, erwähnte eines Tages eine Fernsehsendung, in der ein Internetprojekt namens „Polizei-Poeten“ vorgestellt wurde. Neugieriger als Polizisten sind ja wahrscheinlich nur noch Schreiberlinge, und selbstverständlich saß ich irgendwann nach Feierabend am PC und stöberte in den Texten, die von Polizisten und Angestellten im Polizeidienst geschrieben sind. Mal lachend, mal ge- und berührt – schwer beeindruckt hinterließ ich einen Gästebucheintrag, aus dem sich ein sehr netter Mailkontakt entwickelte.
Das Buchprojekt war zu der Zeit schon in Arbeit, und als ich später entdeckte, dass es beim renommierten Piper Verlag erscheinen würde, war klar: Das Buch musste ich haben. Am liebsten auch gleich im eigenen Sortiment. Geplant und ausgeführt – schon der flüchtige Blick ins Rezensionsexemplar zeigte, dass die Entscheidung eine gute war.
Volker Uhl erzählt in „Wie alles begann“, warum er überhaupt mit dem Schreiben anfing und wie es zur Gründung der Polizei-Poeten kam. Ein mit leichter Hand und sicherlich viel Abstand geschriebener Text – sogar in der Einleitung, die uns mit „seiner“ ersten Leiche konfrontiert, und der langen Liste weiterer dramatischer „erster Male“ bleibt der Verfasser seinem Stil treu.
Wenn Polizisten Täter werden: „Der Zirkusbesuch“ und der daran anschließende Bericht über einen jungen Beamten, der sich am Misserfolg der Fahndung schuldig fühlt, greift den Fall eines Mörders auf, der zur Vorbereitung seiner Banküberfälle auch vor mehrfachem Mord nicht zurückschreckte – nicht einmal seine eigene Familie sollte vor ihm sicher sein. Umso bemerkenswerter die sachliche Beherrschtheit, mit der Volker Uhl – selbst dreifacher Vater – das Thema behandelt.
„Die Frau in Rot“ (aufgezeichnet von Volker Uhl). Ein Mann, eine Frau und eine Tiefgarage – wenn die menschlichen Tragödien ihren Lauf nehmen, müssen die Beamten auch mal den Sterbenden zur Seite stehen. Ein Engel in Uniform ...
„Valentina“: Eine amüsante Geschichte um Gewinnbriefe und das Glück einer Rentnerin.
„Vergiss nicht, die Flaschen abzugeben“, „China“, „Stammheim“ und „Aus dem Volksoratorium“: Stille Texte, die ebenfalls von Volker Uhl beigesteuert wurden, und nicht nur danach fragen, wo die Seele sitzt.
Einen unterhaltsamen Einstieg in das Buch liefert „Biest“ von Steffen Pudimat. Wer bislang Polizisten als „Bullen“ diffamierte, wird hier schlauer: In diesem Mann steckt eindeutig ein Wolf. Oder gibt es Wer-Bullen? Wer-weiß?
„Nachtschicht“, ebenfalls von Steffen Pudimat, ist eine temporeiche Geschichte mit einem zum Glück guten Ende, dem aber der mögliche schlechte Ausgang eindrucksvoll angefügt wird. Ein begabter Schreiber, von dem ich gerne mehr lesen würde.
„Zehn Frauen und ein weißer Kadett“ von Karin Stark und „Anna und ihr Vater“ von Jörg Schmitt-Kilian sind zwei Texte, die sich engagiert und einfühlsam mit Sexualstraftaten auseinandersetzen.
Alle 37 Geschichten an dieser Stelle zu besprechen, würde den Rahmen einer einfachen Rezension schnell sprengen. Insgesamt ist das Buch eine gelungene Mischung aus Drama und Komödie, von dem man nicht erwarten darf, dass man es mal so nebenbei in einem Rutsch durchliest. Hat man eben noch über ein echtes Schelmenstück gelacht, bleibt einem das Lachen bei der tragischen Entwicklung in der nächsten Story gleich wieder im Halse stecken. Nicht eine der Geschichten lässt den Leser unberührt und bei mancher schnürt sich die Kehle zusammen, bis man vielleicht ein ganz, ganz kleines bisschen verstehen kann, was diese Männer und Frauen täglich erleben und empfinden müssen.
„Man kann mehr tun, als man vielfach glaubt und sollte die Chance, sich als Mensch zu zeigen, niemals ungenutzt lassen.“
Helmut Lukas, „Der schwerste Gang“
Diese polizei-poetische Betrachtung nehme ich als meine persönliche Lieblingsstelle aus dieser Anthologie mit. Es wäre schön, wenn möglichst viele Menschen sie zu beherzigen lernten.Ergänzt wird die Ausgabe im übrigen noch durch die stimmigen Schwarzweiß-Fotos der Fotografin Suzanne Eichel, deren Bilder wie sensible Kommentare zu den Geschichten wirken.
Wer also mehr über die Menschen in Uniform erfahren möchte, tut mit diesem Buch sicher einen sehr guten Griff. Und mit dieser Meinung stehe ich eindeutig nicht alleine da: Nach der Erstveröffentlichung im September 2005 hat diese ungewöhnliche Variante des Polizeiberichts es innerhalb von nur zwei Monaten bereits zu einer zweiten Auflage gebracht. Herzlichen Glückwunsch und weiter so viel Erfolg!
Die erste Leiche vergisst man nicht
Polizisten erzählen
Herausgegeben von Volker Uhl
Mit Fotos von Suzanne Eichel
Vorwort von Dietz-Werner Steck ("Kommissar Bienzle")
© 2005 Piper Verlag GmbH, München
SP 4503
224 Seiten
EUR 8,90
ISBN-13: 978-3-492-24503-6
ISBN-10: 3-942-24503-X
Relevante Links:
Piper Verlag GmbH
Polizei-Poeten
Die Fotografin Suzanne Eichel
Nachtrag: Wie ich gerade erfahre, ist im Dezember 2005 schon die dritte Auflage erschienen und ein weiteres Buch in Planung. Glückwunsch!
(9.12.2005)
Nachtrag II:
Die Rezension steht jetzt auch bei
Opinio - Lesermagazin der Rheinische Post online
(11.12.2005)
Katzenauge - 12. Feb, 12:41






