Sechseinhalb Stunden - Gruselroman für Jugendliche und junge Erwachsene von Andreas Schlüter
Der 13jährige Sören findet Jacqueline klasse. Aber eigentlich scheint er nur deshalb auf sie zu stehen, weil sie sich mit Hannes abgibt. Und Hannes ist für coole Jungs wie Sören einfach nur ein Loser. Da wäre es doch gelacht, wenn er ihm das Mädel nicht abluchsen könnte. Aber wie?
Sören tut das Naheliegende: Er schreibt einen Liebesbrief. Eigentlich schreibselt er zwar nur Floskeln aufs Papier, und das auch noch unter Assistenz seines Kumpels Matze, aber es ist auch schwer, mit 13 Jahren über tiefe Gefühle zu schreiben. Wenn wir ehrlich sind, können das auch von uns Erwachsenen nur sehr wenige.
Klar, dass der Horror-Fan Sören das passende Klischee findet: "Für dich würde ich durch die Hölle gehen". Das ist cool, Digga! Den Satz: "Und alles tun, um dein Herz zu erobern." hängt er schnell noch hinten an. Das ist abgefahren, ey!
Damit hat er nur leider schlafende Höllenhunde geweckt. Kurz danach steht nämlich eine recht eisige weiße Frau im Wohnzimmer von Sörens Elternhaus, die sich im Laufe der halbstündigen Unterhaltung als Nex, der gewaltsame Tod, entpuppt. Sie zaubert aus dem Nex - pardon: Nichts - ein Paket herbei, aus dem Sören das Herz seiner derzeit doch eher nur halbherzig Angebeteten entgegenfällt. Mit Tod und Teufel scherzt man nicht, macht Nex nachdrücklich klar, und gibt Sören genau sechs Stunden Zeit, um Jacqueline zu retten.
Sören bleibt nun nichts anderes mehr übrig, als buchstäblich durch die Hölle zu gehen. Stehen am Ende des Weges wirklich nur noch Verzicht und Tod, damit Jacqueline leben kann?
Als wir Sören am Anfang des Buches kennen lernen, ist er genau der Typ, mit dem meine Tochter nicht ausgehen dürfte: Der schlechteste Schüler der Klasse und ein verantwortungsloser Angeber, der an nichts anderes denkt als an sich selbst und an seine Horrorvideos. Doch zumindest sein schlechter Geschmack in Bezug auf Zimmerdekos rächt sich schneller als ihm lieb ist. Und während der Teufel ihm die Hölle heiß macht, lernt Sören, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Er erkennt, dass sogar sein bisschen Wissen Leben retten und er selbst logisch denken kann. Der Gegner ist fair und gibt Sören durchaus auch mal die nötigen Mittel zum Sieg über einen herzgierigen Blindenhund an die Hand.
Und genau das ist meiner Meinung nach der größte Vorzug des Buches: Sören ist bei aller Phantastik der Geschichte glaubwürdig. Der Autor lässt seinen Helden nur Kämpfe ausfechten, denen dieser gewachsen ist und die er mit seinem (beschränkten und vor allem menschlichen) Wissen und Können meistern kann. Er wächst mit und an den Aufgaben und ist am Ende soweit "erwachsen" geworden, dass er zum größten denkbaren Verzicht bereit ist.
Herbeigezogen dagegen finde ich die Sache mit der Erinnerung. Es mag Umfang und Tempo geschuldet sein, aber dafür, dass der Teufel als Gegenleistung für "unendlich viel Wasser" die Erinnerung nimmt, erinnert sich Sören im weiteren Verlauf viel zu mühelos und viel zu schnell an alles, was in den folgenden Szenen gebraucht wird. Mit Formulierungen wie "Computerspiele sind für ihn wichtig. Das spürt er", versucht der Autor zwar die Kurve zu kriegen - überzeugen konnte er mich damit aber nicht.
Auf jeden Fall ist mir beim Lesen wieder einmal klar geworden, wie höllisch genau man mit seinen Sprachbildern umgehen sollte. Der Teufel steckt in diesem Fall nicht nur in den Details, sondern auch und gerade in der Floskel, und ich werde mir künftig nicht nur genau überlegen, was ich mir wünsche, sondern vor allem: wie. Andreas Schlüter zeigt eindrucksvoll, dass man sonst durchaus exakt das bekommen könnte, was man sich wünscht. Und ich werde niemals wieder unbefangen Schmetterlinge im Bauch haben können.
Dass Andreas Schlüter sich mit Floskeln auskennt, beweist meines Erachtens auch sein völliger Verzicht auf eben jene. Das Buch ist in der Ich-Perspektive geschrieben, die ich eigentlich gar nicht mag. Der Autor umgeht aber konsequent die Fallen, die diese Perspektive reichlich bietet, und zieht die Spannung aus der Geschichte und den Figuren statt aus mysteriösen Andeutungen ("Hätte ich gewusst, was ich heute weiß ..."). Ein Lesevergnügen insbesondere für jüngere Leser und Leute mit Spaß an Sprache, Mythologie und Wissen und überhaupt ...
Andreas Schlüter
Sechseinhalb Stunden
Arena Verlag GmbH
ISBN 3-401-05796-0
Hardcover
199 Seiten
in neuer Rechtschreibung
1. Auflage 2005
Sören tut das Naheliegende: Er schreibt einen Liebesbrief. Eigentlich schreibselt er zwar nur Floskeln aufs Papier, und das auch noch unter Assistenz seines Kumpels Matze, aber es ist auch schwer, mit 13 Jahren über tiefe Gefühle zu schreiben. Wenn wir ehrlich sind, können das auch von uns Erwachsenen nur sehr wenige.
Klar, dass der Horror-Fan Sören das passende Klischee findet: "Für dich würde ich durch die Hölle gehen". Das ist cool, Digga! Den Satz: "Und alles tun, um dein Herz zu erobern." hängt er schnell noch hinten an. Das ist abgefahren, ey!
Damit hat er nur leider schlafende Höllenhunde geweckt. Kurz danach steht nämlich eine recht eisige weiße Frau im Wohnzimmer von Sörens Elternhaus, die sich im Laufe der halbstündigen Unterhaltung als Nex, der gewaltsame Tod, entpuppt. Sie zaubert aus dem Nex - pardon: Nichts - ein Paket herbei, aus dem Sören das Herz seiner derzeit doch eher nur halbherzig Angebeteten entgegenfällt. Mit Tod und Teufel scherzt man nicht, macht Nex nachdrücklich klar, und gibt Sören genau sechs Stunden Zeit, um Jacqueline zu retten.
Sören bleibt nun nichts anderes mehr übrig, als buchstäblich durch die Hölle zu gehen. Stehen am Ende des Weges wirklich nur noch Verzicht und Tod, damit Jacqueline leben kann?
Als wir Sören am Anfang des Buches kennen lernen, ist er genau der Typ, mit dem meine Tochter nicht ausgehen dürfte: Der schlechteste Schüler der Klasse und ein verantwortungsloser Angeber, der an nichts anderes denkt als an sich selbst und an seine Horrorvideos. Doch zumindest sein schlechter Geschmack in Bezug auf Zimmerdekos rächt sich schneller als ihm lieb ist. Und während der Teufel ihm die Hölle heiß macht, lernt Sören, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Er erkennt, dass sogar sein bisschen Wissen Leben retten und er selbst logisch denken kann. Der Gegner ist fair und gibt Sören durchaus auch mal die nötigen Mittel zum Sieg über einen herzgierigen Blindenhund an die Hand.
Und genau das ist meiner Meinung nach der größte Vorzug des Buches: Sören ist bei aller Phantastik der Geschichte glaubwürdig. Der Autor lässt seinen Helden nur Kämpfe ausfechten, denen dieser gewachsen ist und die er mit seinem (beschränkten und vor allem menschlichen) Wissen und Können meistern kann. Er wächst mit und an den Aufgaben und ist am Ende soweit "erwachsen" geworden, dass er zum größten denkbaren Verzicht bereit ist.
Herbeigezogen dagegen finde ich die Sache mit der Erinnerung. Es mag Umfang und Tempo geschuldet sein, aber dafür, dass der Teufel als Gegenleistung für "unendlich viel Wasser" die Erinnerung nimmt, erinnert sich Sören im weiteren Verlauf viel zu mühelos und viel zu schnell an alles, was in den folgenden Szenen gebraucht wird. Mit Formulierungen wie "Computerspiele sind für ihn wichtig. Das spürt er", versucht der Autor zwar die Kurve zu kriegen - überzeugen konnte er mich damit aber nicht.
Auf jeden Fall ist mir beim Lesen wieder einmal klar geworden, wie höllisch genau man mit seinen Sprachbildern umgehen sollte. Der Teufel steckt in diesem Fall nicht nur in den Details, sondern auch und gerade in der Floskel, und ich werde mir künftig nicht nur genau überlegen, was ich mir wünsche, sondern vor allem: wie. Andreas Schlüter zeigt eindrucksvoll, dass man sonst durchaus exakt das bekommen könnte, was man sich wünscht. Und ich werde niemals wieder unbefangen Schmetterlinge im Bauch haben können.
Dass Andreas Schlüter sich mit Floskeln auskennt, beweist meines Erachtens auch sein völliger Verzicht auf eben jene. Das Buch ist in der Ich-Perspektive geschrieben, die ich eigentlich gar nicht mag. Der Autor umgeht aber konsequent die Fallen, die diese Perspektive reichlich bietet, und zieht die Spannung aus der Geschichte und den Figuren statt aus mysteriösen Andeutungen ("Hätte ich gewusst, was ich heute weiß ..."). Ein Lesevergnügen insbesondere für jüngere Leser und Leute mit Spaß an Sprache, Mythologie und Wissen und überhaupt ...
Andreas Schlüter
Sechseinhalb Stunden
Arena Verlag GmbH
ISBN 3-401-05796-0
Hardcover
199 Seiten
in neuer Rechtschreibung
1. Auflage 2005
Katzenauge - 12. Feb, 12:29






